Samstag, 25. Oktober 2014

23. 10. 2014: Otto Bruderer - Beschriftungen

Es ist so: In Waldstatt steht ein Haus, das das Werk eines Mannes beherbergt, der ein Werk schuf, das bis heute, 20 Jahre nach seinem Tod, etwas mitzuteilen hat.
Im Vortrag wechselte ich mich mit Wolfgang Rothfahl ab: Er ging den biografischen Spuren nach, ich ging auf Bilder und Fundstücke ein, die wir in 20-Jahresintervallen ausgewählt hatten: 1914, 1934, 1954, 1974, 1994 – das waren die Stichjahre.

Ich schrieb mit Materialien, die ich im Haus vorfand, Texte zu den Bildern und Fundstücken. Es sind Bildbegegnungen, die mir beim Schreiben die Augen öffneten. Nach der Lesung wurden die Texte in die Ausstellung integriert.



Das Vorgehen habe ich in der Vorrede beschrieben:

„Letztens habe ich mich hingesetzt, ein grosses Aquarellpapier genommen und es wissen wollen. Ich habe die Zeichenkohle genommen und angefangen zu schreiben und zwar: „Jedes grosse Werk beginnt mit einer Sünde.“
 Die Sünde war: Ich hatte einfach dieses kostbare Aquarellpapier genommen, vom Maler gehütet wie ein Schatz, den Pack aufgerissen und zu schreiben begonnen. Mir war egal,  was herauskommen würde: Vielleicht nur Lala eine ganze A2-Seite lang, unbedeutendes Geschreibsel auf bedeutendem Papier, das war mir egal, er hatte hier, in diesem Zimmer gemalt, und ich war gekommen, hier um zu schreiben.
Ich legte das Papier auf die Ablage, unter der die Kleinformate des Künstlers gelagert sind und begann. Ich sog mit dem Atem den Geruch eines leckenden Kamins ein. Ich hörte die Autos auf der Dorfstrasse fahren, gedämpft durch die Holzwände des Hauses, so dass ich, wie immer in diesem alten Holzhaus, das Gefühl hatte, es müsse Winter sein, weil die Autos klangen, als führen sie durch Schnee. Es war das ehemalige Atelier des Künstlers, und ich war hier, um einen Beitrag zu  seinem zwanzigsten Todestag vorzubereiten.
Und damit hatte der Ärger begonnen. Ich hatte gedankenlos zugesagt, man macht ja immer gerne mal was für andere. Aber als ich mit dem Stiftungspräsidenten in der Küche sass und Tee trank, da stieg der Ärger hoch. Wieso nur, wieso nur hatte ich zugesagt – und:  Was war das für eine absurde Idee, den Tod eines Künstlers zu feiern, was gibt es daran schon zu feiern? Was ist denn die Kunst am Sterben? Was an einem Hinschied wäre denn zu loben?

Und dazu kam noch  die Tatsache, dass ich mich hier zu schaffen machte, in diesem streng riechenden ehemaligen Atelier: in den Bergen wäre es schöner gewesen, im Alpstein, am Seealpsee, bei den Forellen, den Tannen und Gemsen.

Aus dem dicken Pack fiel der Lieferschein für die Aquarellbögen. Ich hob ihn vom durchgetretenen, mit Farbspritzern bedeckten Linoleumboden auf: 300 Franken hatten die hundert Bögen gekostet, schon damals, 1973, als 300 Franken noch eine Monatsmiete für eine Wohnung waren.
Ich schrieb und liess mich ins Bild fallen.
Ich schrieb auf meinem Aquarellpapier gegen das Bild an und meinen Ärger an und ich merkte, wie ich mich selbst in diesem Bild  im Spiegel betrachtete: Auch ich war ja am Stricken, an meinem Text, auch ich wirkte von Zeile zu Zeile an meinem Werk. Auch ich schnurrte mit den Wörtern und Sätzen die ich aufs Blatt schrieb, und, ja,  mir wurde wohl bei diesem emsigen Tun und machen und Wörter stricken.
Ich sah den listigen Kunstmaler vor mir, erinnerte mich an seinen zwinkernden Blick und Schalk.
Ein rüstiger Berggänger mit Feldstecher und Skizzenblock im Rucksack war er, einer, der in seinem Haus malte und malte und Zimmer für Zimmer mit Satyren, Märchen, Clowns und Landschaften füllte, immer am Malen  und Stricken und Malen und Machen, so sah ich ihn. Ich verstand  seine Art von Kunst, die sich am Machen am meisten freut, und vielleicht auch in der Vorstellung,  was die anderen einmal sehen werden im Bild, wenn sie es betrachten. Und ich war jetzt einer dieser Betrachter und die Lismerin hatte mich am Strick und ich musste dem Wollfaden hinterher und emsig weiter schreiben.

Jedenfalls hatte ich recht gehabt: Der Pack hatte auf gemusst.“




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